Blog "Expedition OstSeeTiere"

Hallo liebe Leser, willkommen beim Blog zur Expedition OstSeeTiere!

Wir sind Corinna und Alexander und möchten Euch hier über die Reise mit einem kleinen Segelboot berichten. In 100 Tagen wollen wir die Ostsee erkunden und umrunden, auf der Suche nach malerischen Landschaften und kulturellen Besonderheiten, aber ganz besonders nach interessanten Ostseetieren, die das Meer durchstreifen und die Küsten bewohnen.

Damit ihr wisst wer wir sind: Alex und ich leben seit ein paar Jahren im kleinen Ortsteil Bauer-Wehrland der Gemeinde Zemitz, direkt am schönen Peenestrom. Er kommt eigentlich von der Sonneninsel Usedom und ich aus Berlin. Wie der Zufall es wollte, haben wir uns beim Segeln kennengelernt und festgestellt, dass die Kombination aus Biologin und Schornsteinfeger eine abenteuerlustige Crew ergibt. Genau die richtige Voraussetzung für so eine Reise. Inspiriert durch das OZEANEUM sollte es natürlich die Ostsee sein, die wir entdecken wollen.

Jede Woche, ab dem 2. Mai, findet Ihr hier einen Beitrag zu den aktuellen Erlebnissen und Entdeckungen der OstSeeTiere-Expedition.

Das Wetter brachte unsere Zeitpläne für den Heimweg durcheinander. Starker Wind und Regen hielten uns fünf Tage in Łeba fest. Dann wurde sportlich gesegelt, gegen den Wind aufgekreuzt und dem Sturm getrotzt. Wir wurden zu richtigen Meilenfressern und in den polnischen Häfen blieb nur wenig Zeit für Spaziergänge. Auf der Fahrt von Kołobrzeg nach Świnoujście gesellten sich zum kräftigen Wind auch noch Böen dazu. Damit nicht nach jeder Böe die Bibliothek wieder eingeräumt werden musste, wurde das Großsegel gerefft und die Sturmfog aufgezogen. Die letzte Stunde hielt eine weitere Herausforderung für uns bereit. Eine dicke Gewitterwolke bahnte sich ihren Weg nach Świnoujście. Mit etwas Glück und Motorenantrieb schafften wir es kurz vor ihr im Hafen zu sein. Gleich nach dem Anlegen fing es an zu schütten.

Von Świnoujście aus segelten wir vorbei an den Kaiserbädern, den Perlen der Insel Usedom und befanden uns damit wieder in deutschen Hoheitsgewässern. Wir hatten ein komisches Gefühl, als nun nach 3 Monaten keine Gastlandflagge mehr am Mast wehte. Ein bisschen Traurigkeit, weil unsere Reise nun dem Ende entgegen ging und die Vorfreude auf zu Hause wechselten sich ab. Vor Zinnowitz begrüßte uns eine Kegelrobbe, die wohl auf dem Weg zum großen Stubber war. Auf dieser flachen Geröllinsel genossen bereits andere Kegelrobben den Blick über den Greifswalder Bodden. In Stahlbrode legten wir ein letztes Mal an. Vom Steg aus konnte man kleine Fischlarven beobachten. Ein Seeadler umkreiste in majestätischem Segelflug das Hafengelände als wir mit Fischbrötchen versorgt den Tag ausklingen ließen.

Am nächsten Tag ging es los zum letzten Schlag. Vor der Strelasundbrücke wurden die Gastlandflaggen alphabetisch sortiert und an den Mast geknüpft. Dann erreichten wir den Stralsunder Hafen. Im Hafenbecken kreuzten wir unser eigenes Kielwasser nach 2000 Seemeilen. Zurück von einer aufregenden Reise machten wir das Boot im Hafen fest. Glücklich über die vielen Erlebnisse und mit Vorfreude auf die kommenden Vorträge, in denen wir gerne persönlich berichten und Fragen beantworten möchten, verließen wir das Boot.

In Pāvilosta endete unser Aufenthalt in Lettland. Auf halbem Weg nach Klaipėda wurde die Gastlandflagge gewechselt. Jetzt wehte rechts am Mast die Trikolore von Litauen. Die bunten Farben der Flagge und das Sommerwetter sorgten für gute Laune auf der Vacuna. In Klaipėda machten wir das Boot im alten Burghafen fest. Von dort aus setzten wir mit der Fähre auf die Kurische Nehrung über. Diese Halbinsel ist fast 100 km lang und liegt vor der russischen und litauischen Küste. Im Norden der Insel befindet sich neben einem langen Sandstrand auch das Meeresmuseum und Delfinarium. Diese Sehenswürdigkeiten wollten wir uns nicht entgehen lassen. Das Museum ist in eine alte Festungsanlage eingebettet und beeindruckt seine Besucher bereits durch das mittelalterliche Eingangsportal. Einige Bewohner der Anlage, wie die Kegelrobben und Seehunde, die in winzigen Becken gelangweilt ihre Bahnen zogen, stimmten uns jedoch so traurig, dass wir auf den Besuch des Delfinariums verzichteten.

In den letzten Häfen trafen wir immer mehr deutsche Segler. Mit rasenden Rentnern, zielstrebigen Seglerpärchen und kartenlos navigierenden Abiturienten tauschten wir Erfahrungen aus und wünschten gegenseitig eine gute Weiterreise. Der längste Schlag der Ostseereise startete in Klaipėda. Nachmittags ließen wir die Kurische Nehrung hinter uns und legten Kurs an in Richtung Gdańsk, vorbei an der Küste Russlands. Vorschriftsmäßig meldeten wir uns bei der russischen Küstenwache an und erhielten freie Fahrt durch die 12 sm-Zone.

Die Nachtfahrt hielt für uns nicht nur einen eindrucksvollen Sonnenuntergang und –aufgang bereit, sondern auch noch eine sternenklare Nacht mit vielen Sternschnuppen und einem großen Feuerwerk über Kaliningrad. In der Nacht drehte der Wind erheblich, so dass wir den Kurs ändern mussten. Unser Ziel verschob sich in Richtung Westen und aus Gdańsk wurde Łeba. Nach 26 Stunden und 140 sm wurden wir vor Łeba von einer Piratenkogge begrüßt, auf der die Besatzung, mit der Titelmusik des Filmes Fluch der Karibik, in beachtlicher Lautstärke beschallt wurde. Auch der Ort wirkte sehr bunt, laut, lebendig und voll. Ein typischer Badeort an der südlichen Ostseeküste. Die eigentliche Attraktion von Łeba lag etwas außerhalb. Im Slowinzischen Nationalpark besuchten wir die großen Wanderdünen.

Unser Aufenthalt in Riga blieb recht kurz. Bei einem Spaziergang durch die Altstadt entdeckten wir das Museum für Stadtgeschichte und Schifffahrt. Es informierte uns über die abwechslungsreiche Entwicklung der Stadt. In den grünen Parkanlagen, die auf den abgetragenen Festungsanlagen angelegt wurden, tankten wir noch einmal Sauerstoff für die Weiterfahrt. Die folgenden Tage ging es von Riga aus, immer an der lettischen Küste entlang. Roja war unser letzter Hafen in der Rigaer Bucht. Hier nutzten wir einen Flauten-Tag, um das einheimische Essen zu testen, am Sandstrand zu liegen und im Kiefernwald zu bummeln. Als wir am nächsten Morgen wieder auf die zentrale Ostsee segelten, verabschiedete uns noch einmal eine Gruppe Kegelrobben. Dies war mittlerweile unsere 14. Sichtung, die wir über die OstSeeTiere-App meldeten.

Die weiteren Häfen, die wir anliefen, vereinten meist Industrie, Fischerei und Badestrand. Einige hielten für uns ganz besondere Überraschungen bereit. In Ventspils gerieten wir mitten in ein Biker-Treffen. Vormittags war die Stadt ruhig und leer. Nachmittags füllten sich die Straßen. Entlang der gesamten Flusspromenade standen links und rechts Motorräder in sämtlichen Variationen. Dazwischen flanierte eine interessierte Menschenmasse, die vorwiegend schwarze Lederbekleidung trug. Nach so viel Trubel wurde unser Wunsch nach Ruhe im nächsten Hafen erfüllt. Am kilometerlangen Strand von Pāvilosta waren nur wir und ein paar Möwen unterwegs. Leider lag dort mehr Müll am Strand, als Muscheln zu finden waren. So wurde aus einem romantischen Abendspaziergang eine Müllsammelaktion.

Auf dem Weg von Haapsalu nach Riga, sahen wir neben den kleinen Ostseetieren, unter dem Mikroskop, auch wieder große Tiere. Im Rigaer Meerbusen begegneten wir mehreren Kegelrobbengrüppchen, die um ein paar Fischernetzte Stellung bezogen hatten. Als wir an ihnen vorbei segelten, wechselten sie elegant und lautlos ihre Positionen, um uns aus sicherer Entfernung zu beobachten.

Endlich hatte der Sommer uns erreicht, mit über 20°C und Sonnenschein wehte uns ein leichter Rückenwind über die Rigaer Bucht. Vom Boot aus konnte man Schwebeteilchen in der oberen Wasserschicht erkennen. Als Plankton bezeichnet, gehört eine Fülle an kleinen Lebewesen in den unterschiedlichsten Formen zu den Schwebeteilchen. Ein Tropfen davon unter dem Mikroskop offenbart eine wilde Mischung aus winzigen Tieren, Algen und Bakterien. Als wichtiger Bestandteil der Nahrungskette und besonders als Sauerstoffproduzent ist das Plankton für uns Menschen von besonderer Bedeutung.

Ein wenig erinnerten uns die Bucht und ihre Inseln an die vorpommersche Küstenlandschaft. Lange Sandstrände und Kiefernwälder säumen die Küsten. Eine Inselküste steuerten wir an um einer Gewitterfront auszuweichen. Im Hafenwasser von Kihnu übte eine Kindergruppe Segeln. Ganz begeistert davon, schnappte sich Alex auch einen Optimisten und mischte sich unter die jungen Segler.

Nach dem Inselbesuch hangelten wir uns am Festland über mehrere kleine Häfen nach Riga. Von der Rigaer Bucht aus gelangt man nach einigen Seemeilen flussaufwärts, vorbei an vielen Industriehäfen und riesigen Verladeplätzen, in den Stadthafen. Obwohl das Wasser hier einer braunen Suppe ähnelte, hatten die Einheimischen Spaß an Wasseraktivitäten, wie Stehpaddeln und Nacht-Kajakfahren. Mit dem Erreichen von Riga, hieß es auch Abschied nehmen von unserer, mittlerweile ins Herz geschlossenen Anhalter-Crew. Erschreckt von der Flussfahrt und dem Großstadtlärm, stellte sich bei uns ein bisschen Heimweh ein.

Vom Landgang in St. Petersburg kehrten wir mitten in der Nacht zurück nach Tallinn. Auf dem Weg vom Busbahnhof zum Hafen hielt uns das Nachtleben in der Altstadt auf. Der Himmel war in ein stimmungsvolles Orangerot getränkt. Einige schaulustige Menschen, zu denen wir uns gesellten, hatten sich an der Küste ein Plätzchen gesucht.

Am nächsten Morgen wurden wir in unserem Boot wachgeschaukelt. Der Wind hatte gedreht und pustete einen Schwell in den Hafen, so dass die Schiffe an den Stegen ein regelrechtes Rodeo hinlegten. Gegen Abend hatten wir genug vom Wellenreiten am Steg. Da es die nächsten Tage noch mehr Wind und Regen geben sollte, flüchteten wir uns in einen ruhigeren Hafen. Dort lernten wir zwei Backpacker aus Frankreich kennen. Auf ihrem Weg von Nepal nach Südfrankreich wollten sie alle Transportmittel ausprobieren. Kurz entschlossen, machten wir sie zu einem Teil unserer Crew, auf dem Weg nach Riga.

Der folgende Segeltörn hielt für uns und die neue Crew fast alle Wetterlagen bereit. Bei bedecktem Himmel verließen wir Tallinn, etwas später regnete es und dann zog eine Nebelfront auf. Es wurde ganz still um uns herum. Das einzige, was man sehen konnte war eine Segelspitze, die aus der Nebeldecke herausragte. Als wir knobelten, wer das Nebelsignal mit Bratpfanne und Kochlöffel als erstes schlägt, kam die Sonne hervor und der Nebel löste sich auf. Der nächste Hafen in Haapsalu, lag im glänzenden Sonnenschein. Der kleine, uns bisher unbekannte Ort entpuppte sich als mondäner Kur- und Badeort. Hier erholte sich schon die Zarenfamilie Romanow und P.I. Tschaikowski schrieb seine 6. Sinfonie.

Das Wetter hielt uns einen Tag fest. Genügend Zeit um im Hafen auf die Suche nach den kleinen Ostseetieren zu gehen. Kescher, Glas und Mikroskop wurden ausgepackt. Ostseewasser wurde durchsiebt und unter die Lupe genommen, bevor es weiter ging in Richtung Riga.

Auf zu neuen Ufern! Zurück auf der Ostsee steuerten wir nach Tallinn. Der Wind hatte jedoch andere Pläne. Er wehte uns noch weiter in Richtung Osten an die Küste von Estland. Mit reichlich Rückenwind surfte die Vacuna mit 8 Knoten über die Ostseewellen. Das unpassende Wetter, das in Deutschland sogar für Unwetterschäden sorgte, warteten wir in einem kleinen, verlassenen Hafen ab. Zu unserer Überraschung verwandelte sich die Marina in der Mittsommernacht. Eine Tanzgruppe, eine Band und ein großes Lagerfeuer füllten den Hafen mit Publikum.

Nachdem der Wind etwas nachließ setzten wir unsere Reise fort. Mit Ostwind ging es endlich nach Tallinn. Dort trafen wir einen Freund wieder, der selbst mit seinem Boot, der X-Trip, auf der Ostsee unterwegs ist und uns von seinen Schweinswalsichtungen berichtete. Gemeinsam durchstreiften wir die estnische Hauptstadt. Zuerst ging es über das Hafengelände des Meeresmuseums, in dem alte Schiffe zur Besichtigung liegen. Danach führte unser Weg in den hübschen, mittelalterlichen Stadtkern. Ein Straßenfestival mit Musik an jeder Ecke sorgte für eine lebhafte Atmosphäre. Wir feierten bis spät in die Weißen Nächte hinein.

Regen und zu viel Wind verhinderten die Weiterreise. Anstatt im Hafen auf besseres Wetter zu warten, entschlossen wir uns St. Petersburg mit dem Bus zu besuchen. Nach 6 Stunden und einer aufregende Grenzpassage mit mehreren Passkontrollen endete die Busfahrt mitten in der großen Metropole. Mit Stadtplan und ein paar russischen Wörtern reihten wir uns in den Strom der Touristen zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten ein und folgten den Hinweisschildern mit kyrillischen Buchstaben. Die imposante Stadt mit den großen Plätzen und Zwiebelturmkirchen entstand erst im 18. Jahrhundert. Zar Peter der Große gründete hier damals Russlands Tor zur Ostsee. Beim Spaziergang durch den Sommergarten fühlten wir uns ein wenig in diese Zeit zurückversetzt. Zwischen den vielen Parks, Ausstellungen und Museen entdeckten wir sogar ein Aquarium mit Ostseetieren.

Nach den vielen Erlebnissen in St. Petersburg saßen wir erschöpft im Bus nach Tallinn und freuten uns darauf, zurück auf unser Boot zu kommen.

Wieder auf der Suche nach den Ostseetieren, segelten wir von Turku aus, die finnische Schärenküste entlang, in Richtung Osten. Auf den kleinen Inseln Örö und Jussarö hofften wir Robben anzutreffen. Die Inseln gehören zum finnischen Schärennationalpark. Obwohl ein Robbengesicht das Logo des Nationalparks ziert, begegnete uns keine einzige.  Dafür gab es hier verfallene Militärstützpunkte und eine interessante Pflanzenwelt zu besichtigen.

Auf halbem Weg nach Helsinki sahen wir sie wieder. Erst eine und später zwei Robben, die sich in der Sonne auf einer flachen Schäreninsel räkelten. Auf dem Wasser rund um die finnische Hauptstadt wimmelte es zu Beginn des Wochenendes nur so von Booten. Unter Beachtung der Vorfahrtsregeln bahnten wir uns den Weg durch den dichten Großstadtverkehr und erreichten unbeschadet den Hafen. In der Marina Helsinki lief schon die Samstagsparty. Ein DJ beschallte uns beim Anlegen mit elektronischer Musik. Angesteckt von der guten Laune des Hafenmeisters, der uns gleich begrüßte, starteten wir zu einem abendlichen Stadtbummel.

Gebäude im Jugendstil, großzügig angelegte Straßen und viele kleine Parks offenbarten sich auf dem kleinen Spaziergang. Eine Vielzahl an Menschen belebte die Stadt und machte die Nacht zum Tag. Am nächsten Morgen drehten wir eine Runde in der Straßenbahn, die an allen touristischen Sehenswürdigkeiten vorbeifuhr. Der Höhepunkt unserer Stadtbesichtigung war der Zoo. Er liegt auf einer kleinen naturschönen Insel, die man nur über eine lange Brücke oder mit einer kleinen Fähre erreicht. Dort leben exotische und einheimische Tiere, insbesondere freche Möwen, die mir meine Zimtschnecke klauten. Nach den schönen Erlebnissen in der Stadt zog es uns zurück auf das Boot. Mit dem Verlassen von Helsinki verabschiedeten wir uns am folgenden Tag von Finnland. Dann wehte uns der Wind nach Estland hinüber.

Unterwegs in der nördlichen  Ostsee, überschritten wir den 20. Längengrad und traten mit Erreichen der Åland-Inseln in eine andere Zeitzone ein. Mehr als 6700 flache Inseln gehören zu dieser Region, die am Eingang zum Bottnischen Meerbusen liegt. Ihre abgerundete Form erhielten die Inseln in der letzten Eiszeit, in der sich riesige Gletschermassen darüber hinwegbewegten. Seit dem Abschmelzen des Gletschers heben sie sich langsam aus dem Meer.

Vorbei an etlichen Gefahrentonnen und kleinen Inseln, schlängelten wir uns bis zur Hauptinsel durch. Bei den Reisevorbereitungen hatten wir übersehen, dass diese Region, die zu Finnland gehört, politisch autonom ist und eine eigene Landesflagge besitzt. Angekommen in Mariehamn, der Hauptstadt von Åland, wurde umgehend eine Gastlandflagge besorgt. Trotz der Inselidylle, umgaben uns während des Aufenthaltes ständig große Schiffe. Schon auf der Überfahrt kam uns das Traumschiff, die MS Deutschland, entgegen. Im Hafen von Mariehamn lag die Pommern, ein majestätischer Viermaster. Hinzu kamen die großen Fähren, die ein regelrechtes Ballett bei ihrem Anlegemanöver aufführten.  Das größte Schiff, das uns begegnete war die Aida Cara. Sie lief in der letzten Nacht in den Hafen ein. Das Geräusch der Motoren, das an einen großen Gartenhäcksler erinnerte, beendete unsere Nacht. Etwas später flutete eine Gruppe entdeckungslustiger Menschen die Insel. Unser Boot gehörte dabei zu den beliebten Fotomotiven. Wir ließen Mariehamn hinter uns und setzten unseren Weg in Richtung finnisches Festland fort. Auf dem Weg nach Turku fanden wir die kleinen Häfen mit Sauna und ganz viel Ruhe.

Mit Turku erreichten wir dann den nördlichsten Punkt unserer Reise. In den taghellen Nächten entdeckten wir die lebendige Stadt und ihre vielfältigen Bauwerke. Von der mittelalterlichen Burg, bunten Holzhäusern und roten Backsteingebäuden, bis hin zum Betonplattenbau, war alles vertreten. Eine Regenfront verkürzte den Stadtbummel und gestaltete den folgenden Segeltag recht abenteuerlich.

Auf nach Stockholm! Das Venedig des Nordens, das auf mehreren kleinen Inseln an der Schnittstelle zwischen dem Mälarsee und der Ostee liegt, wartete auf uns. Mit Sturmfock und Sonnenbrille legten wir in Sandhamn ab und bahnten uns einen Weg durch die Schären in die Hauptstadt Schwedens. In dem Labyrinth von Inseln zahlte sich das Navigationsgerät aus. Dankbar über den elektronischen Helfer stellten wir uns die Frage, wie es noch vor ein paar Jahren, nur mit Karte und Kompass, möglich war, den Weg durch diesen Irrgarten zu finden. Was in einem Moment noch wie eine geschlossene Küstenlinie aussah, fächerte sich im nächsten Moment in mehrere kleine Inseln auf. Eine beeindruckende Fahrt. Viele kleine Segel-, Motorboote und sogar riesige Fährschiffe zogen an uns vorbei. Die kleinen Schäreninseln, die wir passierten, waren entweder mit Bäumen bewachsen, mit Häuschen bebaut oder von Vogelkolonien besetzt.

Zum Sonnenuntergang erreichten wir das Stadtzentrum. In ein warmes, rotes Licht getaucht empfingen uns die Gebäude der Altstadt. Vom Vergnügungspark Gröna Lund schallten uns Schreie aus der Achterbahn und dem überdimensionierten Kettenkarussell entgegen. Unweit des Parks endete unsere Tagestour. Der kleine Hafen, in dem wir festmachten, war sehr komfortabel und lag direkt neben dem Vasa-Museum. Die schwedische Galeone, namens Vasa, die neben dem Hafen in ihrem eigenen Trockendock lag und durch ein Museumsgebäude geschützt war, wollten wir unbedingt sehen. Bei seiner Jungfernfahrt 1628 sank das Schiff bereits im Hafen. Erst 300 Jahre später wurde es wiederentdeckt, gehoben und rekonstruiert. Aus der Vielzahl weiterer Museen in Stockholm, fiel die Wahl auf das Nobel-Museum und das Nordische Museum.

Die hübsche Altstadt und den weitläufigen Park Djurgården genossen wir im abendlichen Sonnenschein. Am letzten Abend im Stockholmer Hafen lernten wir wieder nette Segler kennen und konnten sie für die Nutzung der OstSeeTiere-App begeistern. Unter Segeln legten wir am nächsten Morgen ab und kreuzten mutig zwischen den Ozeanriesen aus dem Hafen. Später drehte der Wind. Im Vorwindkurs mit bunten Leichtwindsegeln glitten wir an den Inseln vorbei. Ein letztes Mal machten wir im Schärengarten halt. In Furusund verabschiedeten wir uns von Schweden und segelten über die Ostsee zu den Åland-Inseln.

Jeden dritten Sonntag im Mai ist der internationale Tag des Ostsee-Schweinswals. An diesem Sonntag planten wir unsere Route entlang des Schutzgebiets der Meeressäuger. Das Gebiet zwischen Öland und Gotland wurde in einem Forschungsprojekt namens SAMBAH (Statistic Acoustic Monitoring of the Baltic Sea Harbour Porpoise) ermittelt, an dem auch Forscher des Deutschen Meeresmuseums beteiligt waren. Mit einem flächendeckenden Netz von Detektoren wurden die Laute der Schweinswale in der Ostsee aufgenommen, um so ihre Anzahl und Aufenthaltsorte zu ermitteln.

Die Auswertung ergab, dass südlich von Gotland ein bedeutendes Fortpflanzungsgebiet der Ostsee-Schweinswale liegt. Von der Südspitze Ölands machten wir uns in nord-östlicher Richtung auf den Weg in Richtung Gotland. Fernab der touristischen Segelroute, die westlich von Öland durch den Kalmarsund führt, segelten wir über die Ostsee. Am Horizont zogen viele große Schiffe vorbei die sich auf dem Verkehrstrennungsgebiet (Schiffsautobahn) bewegten, das leider direkt durch das Schutzgebiet führt. Auf dem 20 Stunden langen Törn hielten wir die ganze Zeit Ausschau, doch es zeigte sich kein Meerschwein.

Gegen 2 Uhr morgens erreichten wir den Süden Gotlands und  liefen in einen kleinen Hafen ein. Fantastisches, klares Wasser und die ersten Sommertage luden uns auf einen weiteren Tauchgang ein. Die von kleinen, flachen Inseln umgebene Küste, erwies sich als idealer Rückzugsort für Kegelrobben. Auch bei den Vögeln war die Küste sehr beliebt. Schwalben, Eiderenten, Bachstelzen, Tordalken, Seeadler und Schwäne ließen sich beobachten. An den letzten Vorsaison-Tagen genossen wir in den Häfen die einsame Idylle.

Von der Nordspitze Gotlands, ging es in einem langen Schlag bis in die Stockholmer Schären. Die Strecke mit 95 Seemeilen wurde unsere erste lange Nachtfahrt. Ausgerüstet mit Tee, Chips und Schokolade verfolgten wir den Sonnenuntergang auf der Ostsee. Richtig dunkel wurde es nicht. Auf die Sterne konnten wir nur einen kurzen Blick werfen. Ein Wolkenband legte sich vor den Sternenhimmel und zog erst am Morgen weiter.

Die Sonne begleitete uns den folgenden Tag, bis wir den Hafen Sandhamn erreichten. Hier tobte das Leben. Zum Christi-Himmelfahrt-Wochenende waren alle Stockholmer mit ihren Booten unterwegs. Sonntagabend war der ganze Trubel plötzlich vorbei. Wir lagen fast ganz alleine im Hafen und bereiteten unsere Reise durch den Schärengarten nach Stockholm vor.

Auf dem Weg von Bornholm nach Schweden stand uns die Passage der großen Schiffsautobahn bevor. Eine aufregende Aktion, denn die Schiffe die dort verkehren sind riesig, schnell und haben auch noch Vorfahrt. Eine Kegelrobbe hatten wir hier nicht erwartet. Deshalb lag auch keine Kamera griffbereit. In völliger Aufregung wurde danach gesucht. Bis die Kamera sich anfand, war die Kegelrobbe schon in Richtung Bornholm weitergeschwommen.

Wir setzten unseren Weg in die entgegengesetzte Richtung fort. Im Laufe des Tages flatterte ein Schwarm Tordalken an uns vorbei und mehrere Gänseschwärme überflogen unser Boot. Eine zweite Kegelrobbe blinzelte kurz aus dem Wasser und tauchte dann weiter ihres Weges. Die Sichtungen trugen wir gleich in die OstSeeTiere-App ein. Zum Sonnenuntergang konnten wir unser Ziel, Utklippan, schon in der Ferne erkennen. Eine kleine Inselgruppe mit Leuchtturm, die von Nebel umhüllt in der Abenddämmerung lag, kam immer näher. Leises Heulen und Grunzen bildete eine unheimliche Geräuschkulisse beim Anlegen.

Die Informationstafeln im kleinen Gasthafen klärten uns über den Ursprung der Geräusche auf.  Utklippan ist ein Naturschutzgebiet. Hier lebt seit einigen Jahren eine Kolonie von Kegelrobben. Ihre Rufe hatten uns also in der Dunkelheit begrüßt. Außerdem gibt es eine Vogelberingstation. Die Inselgruppe ist ein Ziel vieler Zug- und Brutvögel, was wir am nächsten Tag miterlebten. Zusammen mit der Besatzung eines weiteren Segelbootes waren wir die einzigen Menschen auf dieser Insel, inmitten eines großen Vogelspektakels. An jeder Ecke balzten, paarten und brüteten Vögel.

Die Stars des Tages warteten aber noch auf uns. Etwas außerhalb, auf den kleineren Inseln tummelten sich die Kegelrobben. Auf dem Weg nach Karlskrona segelten wir an ihnen vorbei. Neugierig und mit großzügigem Sicherheitsabstand beäugten wir uns gegenseitig. Überwältigt von diesem Naturerlebnis hielt es uns nicht lange in Karlskrona. Wir wollten endlich Schweinswale sehen. Von Karlskrona segelten wir durch die Schären nach Öland. Von hier aus kreuzten wir das bald größte Schweinswalschutzgebiet der Ostsee.

In Sassnitz ließ der Wind, der uns nach Bornholm bringen sollte, ein wenig auf sich warten. Gerade genug Zeit, um die Vorräte aufzufüllen und um einen kleinen Stadtbummel zu unternehmen. Neben der auffälligen Hängebrücke, die vom Hafen in das Stadtzentrum führt, gibt es hier eine verwunschene Schlossruine zu entdecken. Das verfallene Schoss Dwasieden ist einen abenteuerlichen Spaziergang wert. Es liegt auf dem ehemaligen Gelände der Volksmarine, deren Baracken und Bunkeranlagen ebenso wie das Schloss, langsam von der Natur zurück erobert werden.

Am nächsten Morgen, bei herrlichem Sonnenschein, ging es los zum großen Schlag über die Ostsee nach Bornholm. Zuerst mit viel Wind vorbei am Offshore-Windpark-Wikinger und dann ohne, bis in den Hafen von Rönne. Am folgenden Tag war der Norden Bornholms das Ziel. Ein kleiner Hafen, mit Blick auf die beeindruckende Burgruine Hammershus, verzauberte uns den Abend. Gleich am nächsten Tag besuchten wir die Ruine. Ein kleiner Weg von Hammerhavn führte durch ein Meer von Bärlauchpflanzen entlang der Steilküste zur Burg. Möwen und Schwalben übten an den steilen Küstenabhängen ihre Flugmanöver. Ab und zu kreuzten Schafe oder Kühe unseren Weg.

Der Blick von der Burgruine begeisterte uns. Von dort oben konnte man tatsächlich durch das klare Wasser den Grund der Ostsee erkennen. Das bedeutete für den nächsten Tag, Tauchen gehen. Bei erfrischenden 7°C und in 30 Minuten Tauchzeit, schwammen wir über beeindruckende Felsformationen und an etlichen kleinen Stichlingen und Schwimmgrundeln vorbei. Eine Aalmutter hatte Erbarmen mit mir, schwamm nicht gleich davon, sondern posierte ganz entspannt für ein Foto. Überwältigt von der großen Sichtweite unter Wasser und total verfroren endete unser erster Tauchgang. Kaum waren die zwei Landtage vergangen, zog es uns wieder auf die See. Auf der Suche nach den Ostseetieren wurden wir schon wenige Meilen nordöstlich vor Bornholm, direkt an der Schiffsautobahn, von einer Kegelrobbe überrascht.

Das Boot im Wasser und voll beladen, startklar für die große Ostseereise.  Mit Herzklopfen und voller Vorfreude verließen wir den Heimathafen Lassan, folgten dem Peenestrom und segelten dann recht sportlich, bei  7 Windstärken, über den Greifswalder Bodden in Richtung Stralsund.  Am 2. Mai sollte der offizielle Start der Segeltour sein. Geplant waren ein paar Fotos für die Presse, dann Ablegen und Kurs in Richtung Ostsee. Eine steife Brise, mit 6 bis 8 Windstärken, zog uns aber einen Strich durch die Rechnung. Am nächsten Morgen sah es besser aus.

Endlich, Leinen los, Kurs Nord-Nord-West! Bei Sonnenschein und leichtem Wind gab es morgens noch eine Abschiedsrunde vor dem OZEANEUM. Dann ging es auf den Strelasund in Richtung Hiddensee. Hinter uns entfernte sich die sonnengetränkte Skyline von Stralsund und voraus begrüßte uns eine dunkle Wolkenfront. In Kloster auf Hiddensee angekommen hatten wir unsere erste Wettertaufe bestanden.  Die nächsten zwei Tage drehte der Wind richtig auf. Das Boot wurde im Hafen verzurrt und wir hatten Zeit, um die Schönheit der Insel zu erkunden. Sie gehört zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft und ist das Ziel verschiedenster Vogelarten. Läuft man durch den Ort Kloster, vorbei an der biologischen Station, erreicht man den Dornbusch und den gleichnamigen Leuchtturm. Der war natürlich geschlossen, aus Sicherheitsgründen ab 6 Windstärken. Der Ausflug lohnte sich trotzdem. Er führte über kleine, schmale Wanderwege durch eine wunderschöne Naturlandschaft, mit beeindruckenden Ausblicken von der Steilküste auf die Ostsee. 

Bei bedecktem Himmel und mit kondensierendem Atem verabschiedeten wir uns zwei Tage später von Hiddensee und machten uns auf, zur Überfahrt nach Sassnitz.  Die gesamte Fahrt lang herrschte Flaute. Die Ostsee war spiegelglatt und kein Ostseetier zu sehen, nicht mal eine Möwe zeigte sich.  Es ging vorbei an Kap Arkona in Richtung Königsstuhl. Die Kreidefelsen von Rügen hießen uns mit den ersten Sonnenstrahlen am Tag willkommen. Die Steilküste, die für Geologen wie eine Seite aus dem Geschichtsbuch der Erde ist, besteht aus kalkhaltigen Ablagerungen von Meeresbewohnern, die vor ungefähr 70 Millionen Jahren, hier in einem warmen Schelfmeer lebten. Nicht nur uns faszinierte dieser Gedanke, auch die Strandbesucher, die man mit dem Fernglas sehen konnte, hatten den Blick auf den Boden geheftet, vermutlich auf der Suche nach Fossilien. Dann erschienen an der Felsküste die ersten Häuser von Sassnitz und unser Ziel für diesen Tag war fast erreicht.

Die Vorbereitung begann schon im Januar. Das OZEANEUM war gleich begeistert, diese Unternehmung zu verfolgen. Es mussten noch jede Menge Dokumente, Seekarten und Bücher beschafft werden. Seitdem die Temperaturen über 5 °C liegen, wird das Boot flott gemacht. Unser acht Meter langes Segelboot ist eine Neptun 27 und heißt Vacuna.

Die Expedition OstSeeTiere beginnt am 2. Mai in Stralsund vor dem OZEANEUM. Die Route ist nicht festgelegt, der Wind bestimmt die Reise. Große Städte, wie Stockholm, Oulu, Helsinki, St. Petersburg, Riga, Kaliningrad und Danzig stehen natürlich auf der Wunschliste. Die Inseln Bornholm und Gotland, wie auch das Schärenmeer sind ebenfalls ein Ziel. Das bedeutet, es geht einmal durch alle Anrainerstaaten der Ostsee. Schweinswale zu sehen, ist unsere größte Hoffnung. Sie sind die einzige heimische Walart in der Ostsee. Die Schweinswale, die in der zentralen Ostsee leben, sind mit nur noch 500 Tieren stark gefährdet.

Neben den Meeressäugern wird auch nach anderen kleinen und großen Tieren Ausschau gehalten. Für die Entdeckung der  Unterwasserwelt ist das Tauchzeug mit an Bord. Das Mikroskop darf natürlich auch nicht fehlen, denn damit gibt es noch viel mehr zu beobachten. Um für Euch die schönsten Sachen festzuhalten, ist die Kamera mit dabei.